Mythos und Logos sind zwei Aspekte der Wahrheit

„Die Lesbarkeit der Wirklichkeit“ – Eine Tagung über die philosophischen Grundlagen von Literatur im Schloss Trumau in Österreich. Von Gudrun Trausmuth

Gefördert durch das Land NÖ

Schon Platon war sich sicher, dass wir die letzten Fragen nicht aus eigener rationaler Kraft beantworten können.

Unter dem Tagungstitel „Die Lesbarkeit der Wirklichkeit“ wagte das „Internationale Theologische Institut“ (ITI) in Trumau/Österreich eine philosophische Grundlegung der Literatur. Die Ankündigung „Erste Literaturtagung“ lässt auf eine Fortsetzung dieses herausfordernden und grundlegenden Nachdenkens im Interferenzbereich von Philosophie und Literatur hoffen.

Nach der Begrüßung von Rektor Christiaan Alting von Geusau, der über die Frage „Was ist Wirklichkeit?“ reflektierte, wandte sich Pater Dominicus Trojahn OCist vom Stift Heiligenkreuz der Frage des Verhältnisses von Mythos und Logos zu: Ausgehend davon, dass sich das Verstehen der Welt über semantische Repräsentation ereignet, postulierte Trojahn, dass die Bedeutung, auf welche sich das Verstehen richte, gleichermaßen Thema des Mythos wie des Logos sei. Sich am Mythosbegriff des Neukantianers Ernst Cassirers orientierend, betonte Pater Dominicus, dass Mythos und Logos nicht als Gegensätze zu verstehen seien, sondern als zwei je unterschiedliche Arten, die Frage nach Wahrheit, Wirklichkeit und Sinn zu beantworten. Der Mythos sei dabei das System, in dem die Daten der Sinnlichkeit Ordnung erführen und zu einem Verständnis gelangten, der Logos sei ein „wesensgemäßes Sprechen, in der Kraft, die Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern ihr eine Bedeutung zu geben.“ Er wolle die These der gegenseitigen Abhängigkeit von Welt und Literatur verteidigen, so Trojahn: „Literatur hat es mit der Welt zu tun, mit der Welt im Aggregat des Verstanden-seins und Verstehens“. Zu beachten sei allerdings, dass „die Welt an die Zahl verloren gegangen“ sei, die Wirklichkeit sei der Zahl unterworfen und werde von dieser bestimmt, in der Beschreibung durch die Zahl entstehe aber kein „weltbezügliches Ganzes“. Dazu komme die Distanzierung von der Welt durch einen radikalen Subjektivismus, dessen Reduktion auf das setzende Denken seinen letzten Ausdruck in Cartesius‘ „Ego sum res cogitans“ finde. Ebenso sei Cartesius der Vordenker des Zurücktretens der Frage der Wahrheit zugunsten der Nützlichkeit.

Die für das Thema der „Lesbarkeit der Wirklichkeit“ zentrale Metapher der Welt als Buch meint in diesem, das neuzeitliche Denken prägenden Ansatz, einen offenen Interpretationsraum: „Damit verliert das, was die Welt ist, nicht allein jeden objektiven Sinn – und sollte in der Folge zum Spielball widerstreitender menschlicher Einmischungen und Interessen werden –, vielmehr entsteht damit jene Mentalität weltbezüglicher Indifferenz, die von der Semantik dessen, was als und in der Welt ist, keine normative Bedeutung mehr erwartet.“ Im Gegensatz zu einem neuzeitlichen Verständnis des Buches, als einem via Index dem partikulären Zugriff zugänglicher Text, plädiert Trojahn für eine umfassende und universalitische Anwendung der Metapher des Buches auf die Welt: „Das Buch rechtfertigt sich durch einen Mehr-Wert, den die Erfahrung niemals besitzt: den Sinn.“ Die Metapher des Buches nehme ihr Recht aus dem Prolog des Johannesevangeliums, so Trojahn, den die Griechen mit dem „praeteritum metaphysicum“ ausgedrückt hätten, im Sinne von: „Im Anfang ist (immer) das Wort“. Daraus leite sich ab, dass alles, „was immer geworden ist“ nach Art und Weise des Wortes sei, „wörtlich“: „Dass alles im Maße des Logos steht, macht alles vernehmbar und laut. Daher kommt es, dass die Geschichte des Lebens erzählt werden kann, denn die Sprache fügt allem, was ist, das hinzu, das der Geist dran zu entdecken sucht: den Logos, der als Absicht und Sinn jedem einzelnen verborgen-abwesend und zugleich anwesend offenbar zu Grunde liegt.“

Professor Thomas Stark von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St.Pölten spürte im Folgenden der philosophischen Bedeutung der weitverbreiteten Begriffe „Narrativität“ und Diskursivität“ nach, wobei er unter Bezugnahme auf die Erzähltheorie Paul Ricceurs eine Reihe strukturbildender Prinzipien des Narrativs erarbeitete: chronologische und teleologische Aspekte der Handlung, die einander durchdringen, gestalten ein Sinngefüge, welches wiederum komplexe Handlungsgefüge bedinge. Bei jeder Figuration, also jeder Geschichte, ergebe sich ein dynamisches Wirkungsverhältnis von Präfiguration (das Leben weist Gestalt einer Erzählung auf), Konfiguration (der konkreten narrative Gestalt einer Geschichte) und Refiguration (Nachwirkung).

Aus dem Zusammenstoß der eigenen Narrative mit denen anderer Kulturen, entstand bei den Griechen die Wahrheitsfrage, die die Notwendigkeit einer Universalisierung des Sinnanspruchs heraufkommen ließ. Die Lösung dieses Problems führte zur „Erfindung der Philosophie“, deren angestrebtes „echtes Wissen“ unter dem Anspruch stehe „ein auf der Erfahrung fußendes, rational begründetes und diskursiv gesichertes Wissen“ zu sein; die auf diskursive Rationalität gegründete Erkenntnis sei die prozessual von einer Vorstellung zur anderen fortschreitende Erkenntnisform des begrifflichen Denkens. Die Philosophie füge nun, „im Sinne der Wesensbestimmung“, der Frage nach der Wirklichkeit, die Frage nach dem Grund hinzu. Platon, so Thomas Stark, sähe die „arché“ als letzten Grund der Wirklichkeit, als ein transzendentes Prinzip; das Verhältnis aber zwischen der Welt und dem Ewigen und Unwandelbaren könne nach Platon „ausschließlich in narrativer Form gefasst und näher bestimmt werden“. Daraus aber ergibt sich, dass letztlich auch die Gründung der Welt semantisch nur in einem Narrativ gefasst werden könne: in einer Handlung also, deren teleologische Ausrichtung sich in einem chronologischen Verlauf manifestiere. Platon, der explizit mit der Möglichkeit einer göttlichen Offenbarung gerechnet habe, sei überzeugt gewesen, dass die allerletzten Fragen von der diskursiven Rationalität nicht aus eigener Kraft beantwortet werden könnten, sondern nur so, „dass ,der Gott‘ selbst zu uns spricht“. „Nun hat Gott aber zu uns gesprochen“, endete Thomas Stark seine Ausführungen und zitierte den Prolog des Johannesevangeliums.

Bernhard Dolna, Dekan der Hochschule Trumau, betrachtete in seinem Vortrag unter dem Titel „Über das Wort hinaus“ den Sinn für das Erhabene als Wurzel jeder künstlerischen und denkerischen und religiösen Bewegung des Geistes. Seitdem aber das Bestreben bestehe, die Welt nutzbar zu machen, gebe es „kein Recht zu träumen“, parallel zu der Unfähigkeit, dem zu vertrauen, was für die Seele wichtig sei. Mit dem Erhabenen im engeren Sinne sei der Anfang des Staunens verbunden, welches jene Weise sei, wie geschaffene Dinge auf die Anwesenheit Gottes reagieren. Angesichts der Inflation des Wortes riet Dolna, Liturgie und Heilige Schrift als „Schatzkammern der Erneuerung der Sprache“ wiederzuentdecken. In Bezug auf die Literatur führte Dolna anhand der Kriterien, die Longinus für den hohen Stil entwickelt hatte, die sich Wirkung des Erhabenen aus. Dichtung weite und führe hinaus ins Ineffabile. Angesichts des Kontakts mit dem Göttlichen zeigten sich Macht und Ohnmacht des Wortes, werde das Schweigen neben dem Sprechen der andere mögliche Ausdruck des Aufblickens und der Überwältigung.

Die Tagung schloss mit Lesungen der Schauspieler Gabriele Schuchter und Martin Ploderer: im Anschluss legten Bernhard Dolna und P. Dominicus Trojahn die vorgetragenen Gedichte und Schöpfungsberichte in beeindruckender Weise aus.

Deutsche Tagespost/26. Mai 2017